Neiddebatte und Zeitgeist
Text: Pino Loricato
Datum: 01.05.2007 Aufrufe: 1353 Verschickt: 0
Am ersten Mai geht die Unterschicht auf die Strasse und demonstriert für Gerechtigkeit, Solidarität und gegen zu hohe Managerlöhne. Letztere müssen aber immer hoch gehalten werden, das verstehen die bildungsfernen Proletarier leider nicht immer und machen ihrem Neid Luft, wenn sie die Reichen beschimpfen. - Aber wer ist denn hier neidisch?
Kaderleute verdienen zuviel? So ist es nicht. Alles was ein
CEO verdient, hat er wohl verdient. Er hat einen steilen, steinigen Karriereweg bestreiten müssen um da oben anzukommen und einmal an der Spitze zu sein bedeutet, ein Damokles-Schwert über dem Haupt baumeln zu haben. Dass eine solche Leistung jährlich bis zu 20 Millionen Schweizer Franken Lohn bedeuten kann, geht den meisten Leuten nicht in den Kopf, weil dieser so klein ist und nur bis hundert zählen kann. Diese Millionäre sind gar nicht zu beneiden, weil die Rechnung noch nicht fertig ist. Es kommen noch die Auslagen.
Auslagen eines reichen Mannes Ein richtiger Businessman
fliegt mit dem Privatjet an die Arbeit und um die Welt, besitzt eine Villa, schickt die Kinder dennoch ins Internat, unterhält einen Chauffeur, einen Piloten, einen Butler, zwei Putzfrauen, einen Gärtner für den Irrgarten, einen Gärtner für die Blumen, einen Gärtner für das
Gewächshaus. Diese Angestellten wollen jedes Jahr wieder mehr Lohn, das geht massiv ins Geld. Da muss der Businessman froh sein, wenn es ihm hin und wieder reicht, um sich in der Mittagspause ein bisschen zu
entspannen. Sind Sie immer noch neidisch?
Gedankengut des reichen Mannes Der reiche Manager von heute denkt global, in grossen Dimensionen, er schaut nach China, Japan, Russland, nach Amerika, es interessiert ihn nicht, wie seine kleingeistigen Mitbürger über ihn denken, die von Beruf Arbeiter oder Angestellte sind. Es interessiert ihn nicht, was die Presse hierzulande über ihn schreibt. Er denkt freiheitlich, respektiert numerische Werte, nicht moralische. Er weiss, dass seine Art so etwas wie die moderne Aristokratie (Herrschaft der Besten) bildet. Seine Kinder lernen schon früh, dass sie etwas
Besseres sind. Sie werden in ihrer Jugendzeit darauf achten, unter sich zu bleiben und sich nicht mit Proletariern zu vermischen oder zu paaren, um die Gefahr zu vermeiden, in eine untere Schicht hinabzustürzen. Das würde nämlich den Ausschluss aus dem Kreis der Besseren bedeuten.
Die Zeiten ändern sich So ist das nun mal in der Geschichte der Menschheit, die Gesellschaften ändern sich immer wieder. Waren es früher Fürsten, Vögte, Könige, Grafen und Barone die regierten, sind es heute Bonzen, Grossindustrielle und Grosskriminelle. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Untergang der Sowjetunion ist Geld das einzige was noch zählt, da der Kapitalismus gewonnen hat. Es gibt bald kein Ding, kein Gefühl, keine menschliche Regung mehr, die man nicht in Schweizer Franken wertschätzen, resp. ausdrücken könnte. Das Lebensziel der Menschen in unserer Gesellschaft ist es, reich und berühmt zu werden, viel zu konsumieren und Geld zu machen. Und vor allem ist wichtig: Nie zufrieden zu sein und immer mehr zu wollen, als man schon hat.
Das war nicht immer so. Erinnern wir uns an einen Mann Namens Gottlieb Duttweiler. Er hat eine Generation vor uns gelebt, war innovativ, hat die Migros, ein grosses Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen gegründet, und mit der grossen Rendite hat er Dinge für die Allgemeinheit geschaffen, wie zum Beispiel den Kinderpark in Rüschlikon und das Kulturprozent. Er war ein richtiger Mann mit Geschäftssinn und einem grossen Herzen. Nach ihm kam nichts mehr.
Zitat «Zusammen mit den neureichen Russen sind vergärende Managergierhälse der Hauptgrund dafür, dass Geld jeglichen Sexappeal verloren hat.» Rockstar Magazine, Februar 2007