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Wenn das Kostüm und der lustige Gesichtsausdruck erstmal sitzen, steigt die gute Stimmung wie von selbst ins Grenzenlose.
Fast Nacht
Text: Jürgen Brandstifter Datum: 30.01.2005 Aufrufe: 3139 Verschickt: 0

Wer in letzter Zeit versehentlich in den Genuss dessen gekommen ist, was der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Abendunterhaltung versteht, weiss es: Es ist Karnevalszeit! Oder, wie es bei uns noch viel schöner heisst: Fasnacht. Denn wer sich anschliessend brav an die katholische Fastenzeit hält, der darf davor gerne auch mal ein Fasnachtsküchlein mehr verdrücken. Wohl bekomm’s!

Aber: Wer danach nicht fastet, soll sich dann aber auch nicht beschweren, wenn er sich in den Tagen ausgelassener Fröhlichkeit einen Bierbauch angefressen bzw. –getrunken hat. Denn die Fasnacht hat sich längst von ihren christlichen Wurzeln getrennt und ist gänzlich ins Lager Satans übergelaufen. Schauen wir beispielsweise mal bei unseren deutschen Nachbarn in eine Fernsehübertragung einer beliebigen „Fasnachtssitzung“ rein. Schon die Namen solcher Veranstaltungen versprechen Unterhaltung vom Feinsten: „Da wackelt der Dom“, „Karnevalissimo – Lachen am laufenden Band“ oder „Mitgemacht und mitgelacht“ heissen diese Ungetüme und sind jeweils so gegen viermal die Woche zu sehen. Kalauer an Kalauer, Alberne Hüte, hirnloses Mitklatschen und bierseliges Schunkeln, dabei den erstarrten Ausdruck eines Komatösen im eingefallenen Gesicht – was möchte man an einem Samstagabend anderes tun? Da kommt einem unweigerlich Hunter S. Thompsons denkwürdige Beschreibung eines Casinos in den Sinn: „Das Circus-Circus ist, was alle mit Durchblick des Samstagnachts täten, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten. Dies ist das Sechste Reich.“*

Helvetisches Fasnachtsgaudi
Nach dieser billigen Provokation, die erst noch aus fremder Feder stammt, wollen wir aber erst mal sachlich werden. Denn ganz so schlimm ist es ja nun doch nicht, und vor allem müssen wir keineswegs über die Grenze schauen, um den kulturellen GAU mitzuerleben. Schliesslich gibt es auch in der Schweiz, vorzugsweise in kleineren, ländlichen Gemeinden, eine geradezu blühende Fasnachtsaktivität.

Kinderquälereien
Der Klamauk beginnt mit dem Kinderumzug, bei dem die Kleinen Wahlweise als Cowboy, Indianer, Hexe, Prinzessin oder als Harry Potter™ in Reih und Glied durchs Dorf schreiten. Aufgrund der gewöhnlich arg kurzen Dorfstrasse einer 2000-Seelen-Gemeinde fällt der Umzug dann aber recht kurz aus und es wird sogleich mit der Preisverleihung in der örtlichen (festlich geschmückten) Turnhalle begonnen. Den modernen Kinder kommt zugute, dass sie ganz einfach das Halloween-Kostüm ein zweites Mal verwenden können, was vor allem auch unter Leistungsdruck stehende Mütter freut, die das Kind nun nicht mehr neu einkleiden müssen. Natürlich gewinnt der Loser, dessen Mutter darauf bestand, das Kostüm selbst zu nähen und nicht einfach bei Franz Carl Weber ein komplettes Piratenkostüm (inkl. silbernem Schwert) zu kaufen. Der strahlende Sieger wird wegen des peinlichen, handgemachten Gespensterkostüms und der albernen Schminke von seinen geschlossen anwesenden Schulkameraden ausgelacht und spätestens am nächsten Schultag verprügelt.

Dorfjugend und andere Kindsköpfe
Ähnlich lustig geht es dann abends bei den Erwachsenen zu und her. In den Vereinskneipen, die nochmals das Interieur von der letzten Dorfet hervorgekramt haben (im Idealfall aus massiver Eiche, denn „Holz isch heimelig“ heisst es auf dem Land), und vorzugsweise herzhafte Hausmannskost anbieten. Dies aus dem einfachen Grund, dass nach dem Essen noch einiges an Café Luz, Smirnoff Ice und Hürlimann nachgeschüttet wird. Dementsprechend lustig ist auch schon die Dorfjugend, die sich zu Partykrachern vom Schlage der „Aprés Ski Hits“ oder von „Otis Wiesn Hits“ verausgabt, während mancher Vereinspräsident sich schon juristischen Beistand beim ortsansässigen Anwalt holt, um die diesjährige Vaterschaftsklage abzuweisen.

Die Fasnacht erwischt einen überall
Wer nun aber meint, in der Stadt wäre er vor diesen Unsitten in Sicherheit, hat sich mächtig getäuscht. Gut, von Basel wollen wir hier mal gar nicht erst anfangen – zwar ist die Basler Fasnacht sämtlichem anderen Karnevalstreiben moralisch und schnitzelbanktechnisch um einige Larvenlängen überlegen, aber die Stadt ist zu dieser Zeit bis zum Anschlag voll mit Heimweh- und Möchtegern-Baslern. Nein, selbst in Zürich, um das der Fasnachtsrummel ja gewöhnlich einen grossen Bogen macht (schliesslich gibt es mit dem Sechseläuten ja bereits eine Fasnacht für gut Betuchte, die im Übrigen genauso albern ist wie jede andere Fasnacht), weiss man nie wann eine angetrunkene Gugge eine gemütliche Kneipe stürmt und die gute Stimmung im wahrsten Sinne des Wortes aus der Lokalität bläst. Denn wer keinerlei musikalisches Talent hat oder nicht die geringste Achtung und Liebe für musikalisches Kunstschaffen empfindet, spielt eben in einer Gugge. Hier verhält sich die musikalische Treffsicherheit umgekehrt proportional zur Lautstärke, die aber wiederum auch mit dem Alkoholpegel des Musikers steigt (und der ist in der Regel beachtlich).

Lösung oder Ähnliches
Es bleibt uns also in dieser gefährlichen Zeit nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben, ein bisschen Dostojewski oder Schiller zu lesen, ab und an beim umblättern innezuhalten und während wir an der grossen Teetasse nippen, ein Stossgebet gen Himmel zu schicken, um so das kulturelle Gefüge dieses Planeten im Gleichgewicht zu halten, wegen Yin und Yang und so. Eine Packung Oropax in die Stammkneipe mitzubringen tut’s aber natürlich auch. Helau!



*Nachzulesen in Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“, erschienen bei Goldmann und für Geld zu kaufen überall wo's Bücher gibt (also z.B. nicht beim Gemüsehändler).


Eine lustige Mütze macht noch keinen lustigen Fasnachtsvereinsfunktionär. Am nächsten Montag ist zwar das uncoole Kostüm ab, dafür setzt's Hiebe von den Klassenkameraden. In der lokalen Turnhalle steppt der Bär, zur Guggenmusik darf im Rahmen des ausgelassenen Feierns gerne auch mal mehr oder weniger rhytmisch geklatscht werden.
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