Doofes Leben, Doofe Politik
Text: Pryce Projectile
Datum: 20.09.2007 Aufrufe: 5838 Verschickt: 1
Was denken Sie beim Begriff "Bundesrat"? Chrigel Blocher? Call Me Ray? Oder vielleicht doch das, was scheinbar die meisten unter 25 denken: Alte Säcke? Dann hätte Ihnen die Jugenddebatte auf SF DRS vom 18. September gefallen.
Wie bringt man eine Volksgruppe zum politisieren, wenn sie nicht abstimmt, keine politischen Sendungen sieht und auch sonst nicht mitredet? Richtig: Man greift sie dort an wo's am meisten wehtut, und in diesem Fall ist das die von Selbstdarstellern, Crashvideos und Britney-VMA-Auftritten arg gebeutelte Videoplattform YouTube. So erklang von seiten des CNN der Aufruf ans amerikanische Volk, per Videobotschaft über bestimmte Themen der US-Politlandschaft zu diskutieren und sie so mitzugestalten, dies scheinbar mit Erfolg.
Was denken sich da die innovativen und modernen Kreativen von SF DRS? "Machen wir's genau gleich!" Somit wurden junge Leute aufgerufen, zum Thema "Wenn ich einen Tag lang an der Macht wäre"
Videobotschaften aufzunehmen. Die Besten wurden am 18. September dieses Jahres abends auf SF DRS unter dem Motto "Cooles Leben, doofe Politik?" ausgestrahlt. Zu finden waren Aussagen wie: "Ich finde, man sollte mehr Farbe in die Politk bringen; wenn man z.B. anstelle von 'Krankenkasse' 'Gesundheitskasse' sagt, einfach alles etwas positiver, dann geht's auch besser" von
Lena Giger oder "Ich würde einfach mal gar nichts machen" von
Pascal Witzig .
Das ist doch mal politischer Zündstoff, oder? Vielleicht sollte man auch einen Zoo im Bundeshaus machen, direkt in dem Parlament, mit so herzigen Äffchen und Vögelchen und jungen Löwenbabies. Und die Wände in Regenbogenfarben anmalen. Oder eben gar nichts machen.
Die jungen Parteien der Schweiz waren ebenfalls vertreten: Désirée Stutz (jSVP), Bastien Girod (jGrüne), Simon Oberbeck (jCVP), Lena Schneller (junge Freisinnige) sowie die Dame und Herren Vertreter der der jungen EVP und der JuSo - ihres Zeichens scheinbar allesamt Nationalratskandidaten - diskutierten kurz und knackig über Themen, die die Schweiz bewegen, zum Beispiel über Bundesrat Dr. Christoph Blochers hartes Schicksal unter all den gemeinen Kommunistenschwei-, ich meine, Intriganten. Während Désirée Stutz tischklopfend Blochers unumgängliche Importanz betreffend Sicherheit und Zukunft der Schweiz betonte, was die obligaten "Uiiii"-Rufe unter den Zuschauern hervorrief, verlangte Bastien Girod näselnd, lispelnd und stockend, dass man doch auf das Klima schauen solle. Die anderen warfen dann ein, dass man als junge Parteien irgendwie sowieso kein Gehör kriege, und schienen dann für den Rest des Abends etwas resigniert. Darum wechselten die Moderatoren dann zu einigen jungen Leuten, welche weiter hinten standen und auch etwas zu sagen hatten. Die waren dann aber mehr unterhaltsam als politisch interessant.
Die zwei linksgerichteten Initianten des (O-Ton) "grössten schweizer Skateparks", von welchen einer genau (!) wie der Gitarrist von Tokio Hotel aussah (standen darum so viele 15-jährige Mädchen um ihn herum?), fanden, dass ihr Projekt gar nicht zustande gekommen wäre, hätten sie sich bei der Planung überhaupt auf die Politik und deren Vertreter eingelassen. Man habe eben immer noch ein bestimmtes Bild von langhaarigen jungen Männern mit Schlabberhosen. Dann kam
Bojan . Bojan sagte:
"Ich würdi Blitzchaschte wegtue. Wenn's so viel het git Buess und so. Vieli wo Autoprüefig erst grad hend wennd chli Gas gäh, aber s'het so viel Radar. Und eifach z'viel Gsetz." Ein weiterer junger Mann, der in Bojans Nähe stand, zog ein A4-Blatt hervor. Auf diesem sah man eine Velohalterung fürs Autodach, bei welcher das Velo aufrecht auf dem Dach steht, und unten Bojan's krasses Turbocabriolet. "Art by DJ In Da Houze" stand auch noch drauf. Jedenfalls fand dieser Herr, dass es ja nicht sein könne, dass man solche Velohalterungen erlaube, während er keinen Heckspoiler an seinen Schlitten machen darf.
"Ich find Gsetz chli Chind, weisch." Es folgten weitere Bemerkungen, welche auch etwas "Chind" waren, wie die einer jungen Sozialpädagogin: "Also bisher habe ich nur Kritik an Politik
ern gehört, nicht aber an Politiker
innen. Wir Frauen machen die Sache wohl besser, hm", sagte sie kichernd.
Unter all der Idiotie gab es dann doch noch einige gute Beispiele: Eine junge Frau beispielsweise wollte die immer noch anhaltende Jugendgewalt zwischen Schweizern und Ausländern ansprechen, wurde aber gebremst. Des Weiteren schafften es auch einige "Jungelefanten", also Kader der jungen Parteien, zuweilen von ihren festgefahrenen Themen loszukommen, um sich einzugestehen, dass man nicht so gern von den Mutterparteien abhängig sei. Scheinbar ist der Schweizer Nachwuchs doch noch nicht ganz politikverdrossen.
Fazit: Moderatorin Andrea Jansen hörte nicht zu ("Bist Du denn schon stimmberechtigt?" - "Nein, ich bin 16, wie ich schon sagte, und unser Projekt -" - "Welches Projekt?" - "Na, unser Skatepark!"), die Jungpolitiker sprachen eh nur über den armen Blocher und die Gründung eines jungen Bundesrats, die jungen Mitbürger mit ausländischen Wurzeln denken nur an ihre Autos, SF DRS denkt nur an die Einschaltquoten. Somit war die Sendung "Entscheidung 07 - Cooles Leben, doofe Politik?" ein voller Erfolg.
Nicht ganz.
Links:
SF DRS Portal zu den Wahlen 07 JuSo Junge SVP Jungfreisinnige Schweiz Junge CVP Junge Grüne Schweiz smartvote.ch - den persönlichen Wahlfavoriten finden
Pascal Witzig's Beitrag zur Sendung Lena Giger's Beitrag zur Sendung Pascal Witzig's Blog: "Was Bojan tun würde"