Am Sechseläuten
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 18.04.2007 Aufrufe: 7504 Verschickt: 3
Sie erinnern sich: Einst hatten wir Ihnen erklärt, dass wir das Sechseläuten doof finden, und warum auch Sie diesen Anlass hohl finden sollten. Da nun aber der Steuerzahler diese Veranstaltung kräftig mitfinanziert, ist es ein Bürgerrecht, ja sogar eine Bürgerpflicht, am Sechseläuten teilzunehmen und sich zu amüsieren. Vater Staat lädt ein zur Party: der Artikel mit Film!
Wie aber amüsiert man sich an einem Scheissanlass? Unsere knurrenden Mägen hielten uns dazu an, beim Zunftumzug nicht bloss zuzuschauen, sondern selber daran teilzunehemen, um später in einem Zunfthaus ein opulentes Mahl zu erschleichen. Kurzerhand gründeten wir deshalb unsere eigene Zunft. Also
nahmen wir den Finger aus dem Arsch und machten uns daran, die folgenden Voraussetzungen zu erfüllen:
1. Eigener Berufsstand: Die edle Profession der Narren kann bis ins frühe Mittelalter zurückverfolgt werden, als 768 n. Chr. Karl der Grosse von seinem Pferd fiel. Als Nachfahren dieser Spassmacher haben wir durchaus Anrecht auf unsere eigene Zunft.
2.
Eigene Pferde: Unsere stolzen Araber-Hengste Nestor, Luigi und Silberwind
trugen uns wie edle Fürste auf ihren Rücken durch die Bahnhofstrasse.
3. Eigene Flagge: Haben wir vergessen.
4. Übersteigertes Selbstbewusstsein: Daran sollte es nicht mangeln.
5. Keine Frauen: Bis auf unseren Ehrengast, die bezaubernde Schauspielerin und Trickbetrügerin
Emma Kalaschnikow haben wir alle einen Zipfel zwischen unseren Beinen.
6.
Viele Blumen: Das prächtige Blumenbouquet aus eigenem Anbau wurde Anno 1504 auf unserem Balkon gepflückt und verbreitete ungeahnte Wohlgerüche.
7.
Eigener Zunftwagen: Zwei Räder, ein Pferd – alles da. Der urbane Streitwagen der Lismal-Zunft zog alle Blicke auf sich.
Voller Tatendrang ritten wir also zum Besammlungsplatz der Zünfte an der Bahnhofstrasse. Auch die überall herumliegenden
Pferdeäpfel konnten unseren Enthusiasmus nicht bremsen. Selbst die betrunkenen
Zünfter merkten nichts von unserem Vorhaben, uns in den Umzug einzureihen. Das Einsetzen der Musik liess dann jedoch unsere Pferde scheuen, deren sensible Ohren harsche Marschmusik nicht gewohnt sind. Unter den aufmunternden Blicken der Ehrengäste und
Medienvertreter warteten wir also auf eine besser geeignete Melodie.
Doch bei jeder neuen Zunft, die an uns vorbeizog war es dasselbe: dröge Marschmusik und scheuende Pferde. Als dann endlich Ruhe einkehrte und wir gerade losreiten wollten, hörten wir in der Ferne den Knall des zerberstenden Böögs und realisierten, dass der Umzug ohne uns stattgefunden hatte. Aus dem Zunftessen wurde dann auch nichts, die
Proletenwurst vom Stand mussten wir selber bezahlen, aber durch eine glückliche Fügung kam es soweit, dass sich am Stadelhofen eine Eisdiele unserer erbarmte und jedem von uns ein Eis spendierte.
Fazit Das Sechseläuten ist ein mittlerer Grossanlass mit schlechter Musik, vielen Kostümen, Pferden und Pyrotechnik. Drei Sterne.
Video Lismal beim Sechseläuten, abendfüllender Kurzfilm für grosse und kleine Zünfter und solche, die es noch werden wollen.
http://www.youtube.com/watch?v=IFA-dkkBD1c Weiterführende Literatur Mein Hut der hat drei Ecken: Mehr zum Sechseläuten auf Lismal.
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